(Wie) kann ich mich verändern?

Die Frage nach Veränderung taucht selten aus Neugier auf. Meistens meldet sie sich nach Wiederholungen. Wenn man merkt, dass man schon wieder gleich reagiert hat. Gleich ausgewichen. Gleich argumentiert. Dann klingt sie plötzlich dringlich und zugleich verdächtig. Kann ich mich verändern? Und wenn ja, wie? Oder stelle ich die falsche Frage zur falschen Zeit?

Kann ich mich verändern? Und wenn ja, wie? Oder stelle ich die falsche Frage zur falschen Zeit? Künstler:in: unbekannt - Fotografie: Daniel Frei

Daniel Frei – «Wie kann ich mich verändern?» klingt aktiv. Fast technisch. Als liesse sich etwas, als liessen wir uns, einstellen, justieren, optimieren. Die Frage setzt voraus, dass Veränderung machbar ist. Planbar. Und irgendwo auch wünschenswert.

Interessanter aber ist oft die vorgelagerte Frage. Kann ich mich überhaupt verändern? Oder verändere ich nur die Geschichten, die ich mir über mich selbst erzähle? Diese Unterscheidung kann etwas unangenehm sein. Sie entzieht der Veränderung ihren Projektcharakter. Darum lohnt es sich auch, bei ihr zu bleiben.

Selbsterkenntnis hilft. Aber nicht immer weiter.

Die Philosophie setzt seit jeher auf Selbsterkenntnis. Erkenne dich selbst. Dann wirst du wissen, was zu tun ist. Klingt plausibel. Und es stimmt auch. Bis zu einem gewissen Punkt. Denn Selbsterkenntnis führt nicht automatisch zu anderem Verhalten. Sie führt oft nur zu besseren Begründungen.

Viele wissen sehr genau, wie sie funktionieren. Und machen trotzdem weiter wie bisher. Nicht aus Ignoranz, aus Gewohnheit. Oder Bequemlichkeit. Oder weil Einsicht allein erstaunlich wenig verändert.

Der Existenzialismus verschärft das Problem. Wenn wir frei sind, sind wir verantwortlich. Für das, was wir tun. Und für das, was wir lassen. Freiheit klingt grossartig, ist aber schwer auszuhalten: Sie lässt kaum Ausreden zu. Wer sich verändern könnte, müsste auch erklären, warum er es nicht tut.

Modelle beruhigen. Menschen weniger.

Die Psychologie hat Ordnung in die Sache gebracht. Veränderung als Prozess. Als Abfolge von Phasen. Das wirkt tröstlich. Endlich Struktur. Endlich Orientierung.

Im echten Leben aber halten sich Veränderungen nicht an Modelle, verlaufen ungleichmässig, chaotisch, zufällig. Sie stocken, kippen, fallen zurück. Manchmal funktioniert etwas für Wochen. Dann nicht mehr. Das liegt nicht am Modell. Aber auch nicht unbedingt an mangelnder Disziplin. Es liegt daran, dass Leben kein didaktisches System ist.

Besonders hartnäckig ist der Glaube an Selbstwirksamkeit. Ohne ihn passiert wenig. Mit ihm aber auch nicht automatisch mehr. Zwischen dem Wissen, dass man etwas ändern könnte, und dem tatsächlichen Tun liegt ein Raum, der sich kaum theoretisch überbrücken lässt. Wir nennen ihn Alltag.

Veränderung ist kein Einzelereignis

Soziologisch betrachtet wird schnell klar, warum Veränderung oft stockt. Wir tun es nicht allein in der isolierten Vakuumkammer. Wir tun es in Beziehungen. In Rollen. In Erwartungen. In Gefügen. Wer sich verändert, verändert immer auch das System, in dem er oder sie sich bewegt.

Und unser Umfeld reagiert seltenst neutral darauf. Veränderung irritiert. Sie verschiebt Dynamiken. Sie macht andere unsicher. Manchmal ist es darum einfacher, gleich zu bleiben, als eine neue Rolle auszuhandeln. Nicht aus Feigheit, aus sozialer Vernunft.

Achtsamkeit als Ausweg (und als Ausrede).

Der Buddhismus schlägt einen anderen Ton an. Weniger machen. Mehr beobachten. Den Moment ernst nehmen. Nicht anhaften. Das wirkt entlastend. Und ist es auch.

Gleichzeitig lässt sich mit Achtsamkeit vieles elegant umgehen. Entscheidungen zum Beispiel. Oder Konflikte. Gelassenheit kann klären. Sie kann aber auch lähmen. Nicht jede Veränderung scheitert an mangelnder Einsicht. Manche scheitert daran, dass man gewissenhaft gelernt hat, alles erst einmal zu akzeptieren.

Vielleicht überschätzen wir Veränderung.

Liegt das Problem nicht darin, dass wir uns zu wenig verändern? Sondern darin, dass wir Veränderung überschätzen? Als bewussten Akt. Als Willensleistung. Als Ziel.

Verändert sich ein Mensch nicht, weil er es beschliesst? Sondern weil etwas nicht mehr funktioniert? Weil eine Wiederholung sichtbar wird? Weil eine Spannung zu gross wird? Oder weil man müde wird, sich selbst zu erklären? Dann geschieht Veränderung nicht spektakulär. Sie passiert leise. Ungeordnet. Ohne Dramaturgie.

Zwei Fragen. Keine Antwort.

Kann ich mich verändern? Und wenn ja, wie? Ist es nötig, beide zu beantworten? Reicht es nicht, sie nicht vorschnell abzutun? Die eine hält wach. Die andere macht Druck und zwischen beiden bewegt sich etwas. Unsauber. Unzuverlässig. Mensch sein halt.