Warum wir unsere Träume nicht erzählen dürfen, damit diese wahr werden
Träume haben etwas Magisches. Sie sind zerbrechlich, zart, und so scheu wie ein Reh im Wald. Sie gedeihen in der Stille, fernab von neugierigen Blicken, skeptischen Kommentaren und all den subtilen Einflüssen, die sie ins Wanken bringen können. Aber warum scheint es besser zu sein, unsere Träume für uns zu behalten, anderen nichts davon zu erzählen?
«Symbolische Selbstverwirklichung» oder wenn allein das Erzählen uns schon das Gefühl, etwas erreicht zu haben – obwohl wir noch keinen einzigen Schritt in Richtung Umsetzung gemacht haben. Fotografie: Daniel Frei
Daniel Frei – Es heisst oft: «Sprich über deine Träume, dann werden sie wahr.» Aber tatsächlich zeigen psychologische Studien, dass das Gegenteil der Fall sein kann. Wenn wir unsere Träume teilen, lösen wir im Gehirn bereits eine Art Belohnungseffekt aus. Das heisst, allein das Erzählen gibt uns das Gefühl, schon etwas erreicht zu haben – obwohl wir noch keinen einzigen Schritt in Richtung Umsetzung gemacht haben.
Der Sozialpsychologe Peter Gollwitzer beschreibt diesen Effekt als «Symbolische Selbstverwirklichung». Kurz gesagt: Indem wir unsere Pläne laut aussprechen, täuschen wir unserem Gehirn vor, dass wir schon aktiv daran arbeiten. Die Motivation sinkt – und unser Traum bleibt Schaum.
Die Macht der Zweifel
Sobald wir unsere Träume preisgeben, setzen wir sie einer gefährlichen Variable aus: der Meinung anderer. Selbst gut gemeinte Ratschläge oder vorsichtige Skepsis können wie kleine Nadelstiche sein. «Bist du sicher, dass das funktioniert?» oder «Das klingt aber schwierig» – solche Bemerkungen säen Zweifel und entziehen dem Traum seine Energie.
Wie der Schriftsteller Hermann Hesse sagte: «Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.» Doch dieser Zauber kann schnell verpuffen, wenn er zu früh dem Urteil anderer ausgesetzt wird. Träume brauchen Zeit, um zu wachsen, um Wurzeln zu schlagen – und das gelingt am besten in einem geschützten Raum.
Die Illusion des Teilens
Wir leben in einer Ära der ständigen Kommunikation, in der alles geteilt wird: Bilder, Gedanken, Meinungen – und eben auch unsere Träume. Doch oft genug bringt das Teilen mehr Schaden als Nutzen. Ein Traum ist kein Instagram-Post, kein Tweet und keine Diskussion am Stammtisch. Er ist ein innerer Schatz, der Zeit und Pflege benötigt, um zu reifen.
Der Buddhismus lehrt uns, dass Worte Macht haben. Alles, was wir sagen, hat Konsequenzen – nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst. Indem wir unsere Träume vorzeitig teilen, riskieren wir, sie zu entwerten, sie zu zerreden und «verplappern».
Die Kraft des Schweigens
Das Schweigen über unsere Träume ist kein Akt der Geheimnistuerei, sondern eine Form der Selbstdisziplin und Akkumulation. Es bedeutet, unseren inneren Fokus zu bewahren und die Energie auf die Umsetzung zu lenken, anstatt sie in Worte zu verwandeln.
«Je stiller man ist, desto mehr kann man hören.», bemerkte schon Arthur Schopenhauer: Indem wir unsere Träume für uns behalten, geben wir uns die Chance, in uns hineinzuhorchen, unsere Ziele klarer zu sehen und die Schritte dorthin bewusster zu planen und einige davon möglicherweise auch unbewusst zu nehmen.
Wann und wie Träume geteilt werden dürfen
Natürlich bedeutet das nicht, dass wir für immer schweigen müssen. Der richtige Zeitpunkt, unsere Träume zu teilen, kommt, wenn sie eine stabile Grundlage haben. Sobald wir konkrete Fortschritte gemacht haben und uns sicher genug fühlen, können wir unsere Pläne mit Menschen teilen, die uns wirklich unterstützen.
Wichtig ist, dass wir sorgfältig auswählen, wem wir unsere Träume anvertrauen. Menschen, die an uns glauben, die uns motivieren und uns konstruktiv helfen, können ein entscheidender Faktor sein.
Warum das alles Sinn stiftet
Träume sind kein öffentliches Gut. Sie gehören uns – und nur uns. Indem wir sie schützen, geben wir ihnen die Chance, sich zu entfalten. Es geht nicht darum, egoistisch oder geheimniskrämerisch zu sein, sondern darum, die Magie des Anfangs zu bewahren und der Realität eine ehrliche Chance zu geben.
Vielleicht sollten wir uns an den Rat dieser unbekannten Person halten, die sagte: «Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.» Und bevor wir das tun, lassen Sie uns sicherstellen, dass wir ihn nicht zerreden. Nur so können unsere Träume Wirklichkeit werden – in aller Stille und mit aller Kraft.