Verrückte Märchen, klare Diagnosen: Was Prinzessinnen über psychische Gesundheit, Bindung und Führung erzählen.

Märchen sind keine harmlosen Gute-Nacht-Geschichten. Sie sind psychologische Verdichtungen. Sie erzählen von Sehnsucht, Abhängigkeit, Mut und Selbstverlust. Und sie prägen unterbewusst unser Bild von Beziehung, Identität und Führung. Die Maturaarbeit von Nora von Allmen liest klassische Märchen und ihre Disney-Adaptionen mit einem Instrument, das man dort selten vermutet: dem DSM-5. Heraus kommt kein Pathologisieren, sondern eine präzise Analyse darüber, wie sehr diese Figuren innere Konflikte tragen, die uns bis heute vertraut sind.

Märchen funktionieren, weil sie nicht erklären, sondern verdichten. Künstler:in: unbekannt – Fotografie: Daniel Frei

Märchen funktionieren, weil sie nicht erklären, sondern verdichten. Künstler:in: unbekannt – Fotografie: Daniel Frei

Daniel Frei – Märchen funktionieren, weil sie nicht erklären, sondern verdichten. Sie zeigen keine Diagnosen, sondern Zustände. Verlust, Sehnsucht, Angst, Hoffnung. Nora von Allmen nimmt diese Verdichtungen ernst. Sie schliesst mit den Lesenden einen bewussten «Fiktionalitätsvertrag»: Wir tun so, als wären diese Figuren real, nicht um sie festzunageln, sondern um an ihnen zu lernen. Ihre Arbeit bewegt sich damit an der Schnittstelle von Psychologie und Erzählung. Dort, wo Kommunikation wirkt, ohne sich zu rechtfertigen.

Arielle: Zwischen Sehnsucht und Selbstverlust

Die kleine Meerjungfrau bei Hans Christian Andersen ist leise, nachdenklich, introvertiert. Ihre Sehnsucht nach der Menschenwelt entfremdet sie zunehmend von ihrer Herkunft. Nora von Allmen zeigt, wie sich in dieser Figur eine depressive Dynamik abzeichnet: Rückzug, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit. Entscheidend ist dabei die Ambivalenz. Der finale Opferakt lässt sich sowohl als Ausdruck tiefster Verzweiflung als auch als bewusste moralische Entscheidung lesen. Gerade diese Doppelbödigkeit macht die Figur stark. Nicht eindeutig krank. Nicht eindeutig gesund. Sondern menschlich.

Ganz anders Arielle bei Disney. Hier wird aus der stillen Sehnsucht eine impulsive Bewegung. Sammeltrieb, Idealisierung, riskante Entscheidungen. Von Allmen liest Arielles Verhalten als Mischung aus Hortungsdynamiken und emotionaler Instabilität. Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern das Muster: Arielle opfert ihre Stimme, um gesehen zu werden. Ein starkes Bild für viele moderne Kommunikationsformen, in denen Menschen sich anpassen, verstummen oder überanpassen, um dazuzugehören. Führung beginnt hier negativ. Als Verlust der eigenen Sprache.

Rapunzel: Bindung, Kontrolle und die Angst vor Freiheit

Rapunzel ist kein romantisches Märchen über lange Haare. Es ist eine Geschichte über Isolation, emotionale Abhängigkeit und manipulative Fürsorge. In der Grimm-Version wächst Rapunzel ohne stabile Bindung auf. Ihre schnelle Hingabe an den Prinzen liest von Allmen als mögliche enthemmte Bindungsreaktion. Nähe wird gesucht, weil sie nie gelernt wurde.

In der Disney-Adaption wird diese Dynamik expliziter. Mutter Gothel kontrolliert, entwertet, verunsichert. Nähe wird zur Falle. Rapunzels inneres Schwanken nach dem Verlassen des Turms ist kein dramaturgischer Gag, sondern psychologisch präzise beschrieben. Euphorie und Schuld, Freiheit und Angst. Von Allmen deutet dies als Anpassungsreaktion auf einen massiven inneren Umbruch. Führung über sich selbst entsteht hier nicht durch Heldentum, sondern durch das langsame Erkennen von Manipulation. Ein hochaktuelles Motiv.

Medium, Macht und psychologische Tiefe

Ein zentraler Befund der Arbeit ist ebenso simpel wie wichtig: Das Medium entscheidet über psychologische Lesbarkeit. Filme zeigen Mimik, Gestik, Ambivalenz. Texte verdichten stärker, lassen mehr offen. Deshalb sind Diagnosen im Film scheinbar klarer, aber auch gefährlicher. Sie verführen zur Eindeutigkeit. Märchen hingegen bleiben fragmentarisch. Sie zwingen zur Deutung. Genau darin liegt ihre Stärke für Führung und Kommunikation. Gute Führung ist selten eindeutig. Sie ist kontextabhängig, widersprüchlich, unvollständig.

Was Führung von Prinzessinnen lernen kann

Die Arbeit ist kein akademischer Selbstzweck. Sie berührt zentrale Fragen moderner Führung. Wie entstehen Entscheidungen unter emotionalem Druck? Wie wirkt Abhängigkeit? Wie wird Selbstbestimmung möglich? Arielle zeigt, was passiert, wenn Sehnsucht nicht integriert wird. Rapunzel zeigt, wie schwer es ist, Kontrolle als Kontrolle zu erkennen, wenn sie sich als Fürsorge tarnt. Führung beginnt dort, wo Menschen ihre innere Geschichte lesen lernen, statt sie zu wiederholen.

Ein stiller, kluger Beitrag

Was diese Maturaarbeit besonders macht, ist ihr Ton. Keine moralische Überheblichkeit. Kein Diagnoserausch. Nora von Allmen schreibt ruhig, präzise, respektvoll. Sie weiss um die Grenzen ihrer Analyse. Sie verwechselt nicht Figur und Mensch. Gerade deshalb trifft sie einen Nerv. Ihre Arbeit zeigt, wie früh psychologisches Denken beginnen kann, wenn man es nicht als Technik, sondern als Haltung versteht.

 
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