Fühlen. Egal was, Hauptsache das.
Fühlen gilt als Störfaktor. Als Risiko. Als etwas, das man im Griff haben muss, bevor es einen selbst im Griff hat. Aber je perfekter wir uns organisiert haben, desto deutlicher meldet sich genau das, was wir zu vermeiden suchten. Nicht als Theorie, sondern als Zustand. Eine Einladung, das Fühlen nicht länger zu therapieren, zu managen oder zu übergehen, sondern es wieder als das zu begreifen, was es ist: ein präzises, unbestechliches Orientierungssystem. Unordentlich vielleicht. Aber lebendig.
Fühlen hat einen schlechten Ruf. Es gilt als unzuverlässig, subjektiv, störanfällig. Künstlerinnen: Rosa & Louise – Fotografie: Daniel Frei
Daniel Frei – Fühlen hat einen schlechten Ruf. Es gilt als unzuverlässig, subjektiv, störanfällig. Wer fühlt, so das unausgesprochene Urteil, kann nicht ganz bei Verstand sein. Zu weich. Zu langsam. Zu wenig professionell. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Fühlen ist kein Luxus, sondern ein Grundzustand. Wer nicht fühlt, funktioniert. Wer fühlt, lebt.
Lange Zeit konnten wir uns erfolgreich vor dem Fühlen drücken. Arbeit half dabei. Ablenkung. Tempo. Optimierung. Heute funktioniert diese Flucht immer schlechter. Der Lärm draussen ist so gross geworden, dass er das Innere nicht mehr übertönt, sondern aufweckt. Etwas meldet sich. Manchmal leise, manchmal brutal. Erschöpfung. Wut. Traurigkeit. Sehnsucht. Freude, die sich fremd anfühlt, weil sie so selten geworden ist.
Die Angst vor der Unordnung
Gefühle sind unpraktisch. Sie halten sich nicht an Termine. Sie kommen ungefragt. Und sie bringen Unordnung. Genau das macht sie gefährlich für Systeme, die auf Kontrolle gebaut sind. Für Organisationen. Für Rollenbilder. Für das Bild, das wir von uns selbst pflegen.
Deshalb versuchen wir, Gefühle zu sortieren, zu benennen, zu therapieren, zu beruhigen. Nur nicht zu fühlen. Möglichst schnell. Möglichst effizient. Doch Gefühle sind keine Probleme, die gelöst werden wollen. Sie sind Signale. Roh. Ungefiltert. Ehrlich. Wer sie zu schnell erklärt, verpasst ihre Botschaft. Nicht jedes Gefühl ist angenehm. Aber jedes Gefühl ist wahr. Auch die, die wir nicht mögen. Gerade die.
Zwischen Betäubung und Explosion
Viele pendeln heute zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite die Betäubung. Funktionieren. Weitermachen. Keine Zeit, keine Tiefe, kein Kontakt. Auf der anderen Seite die Explosion. Burn-out. Zusammenbruch. Tränen im falschen Moment. Wutausbrüche ohne Adresse.
Beides sind keine Zeichen von Schwäche, sondern von unterdrücktem Fühlen. Wer zu lange nichts fühlt, fühlt einmal alles auf einmal. Unkontrolliert. Überwältigend. Der Körper übernimmt dann die Führung. Nicht aus Bosheit, aus Notwehr. Fühlen ist Prävention. Gegen Härte. Gegen Zynismus. Gegen innere Versteinerung.
Die radikale Einfachheit des Spürens
Fühlen braucht keine Methode. Keine App. Kein Coaching-Tool. Es beginnt mit etwas Radikalem, fast Altmodischem. Still werden. Spüren. Aushalten. Nicht eingreifen.
Was ist da, wenn nichts mehr ablenkt? Im Körper. Im Bauch. Im Brustraum. Im Hals. Das ist keine esoterische Übung, sondern eine Form von innerer Buchhaltung. Was fühlt sich eng an? Was weit? Was zieht Energie, was gibt sie zurück?
Fühlen heisst nicht, allem zu folgen, was man fühlt. Aber es heisst, nichts zu ignorieren. Wahrnehmen, ohne sofort zu handeln. Ernst nehmen, ohne dramatisieren zu müssen.
Gefühl ist kein Gegner der Vernunft
Einer der grössten Irrtümer unserer Zeit ist wohl die Annahme, Gefühl und Klarheit stünden sich im Weg. Das Gegenteil ist der Fall. Wer nicht fühlt, trifft schlechte Entscheidungen. Nicht sofort, aber langfristig. Weil wichtige Informationen fehlen.
Gefühle zeigen Grenzen. Bedürfnisse. Werte. Sie sagen, wo etwas nicht mehr stimmt, lange bevor der Kopf es formulieren kann. Rationalität ohne Gefühl ist blind. Gefühl ohne Reflexion ist chaotisch. Erst zusammen entsteht Orientierung.
Die wirklich klaren sind nicht die Gefühllosen. Es sind die, die fühlen können, ohne darin unterzugehen.
Hauptsache lebendig
Es geht gar nicht darum, sich immer nur gut zu fühlen. Das ist eine moderne Überforderung. Dauerhaftes Wohlbefinden ist kein realistisches Ziel, lebendig sein schon. Und Lebendigkeit hat viele Farben. Freude und Schmerz. Ruhe und Unruhe. Nähe und Einsamkeit.
Fühlen heisst, dem Leben zu erlauben, Spuren zu hinterlassen. Nicht alles glattzuziehen. Nicht alles zu kontrollieren. Sondern sich berühren zu lassen. Von Menschen. Von Orten. Von Momenten. Von Gedanken. Von sich selbst. Egal was. Hauptsache das.