Warum Anstand nicht höflich ist und Höflichkeit nichts mit Anstand zu tun hat.
Höflichkeit beruhigt. Anstand entscheidet. Während wir gelernt haben, uns korrekt zu verhalten, kann dabei aus dem Blick geraten, was moralisch notwendig ist. Warum Anstand mehr ist als gutes Benehmen, weshalb er manchmal unhöflich wirken muss und warum wahre Integrität nicht im Anstehen entsteht, sondern im Handeln.
Höflichkeit beruhigt. Anstand entscheidet. Fotografie: Daniel Frei
Daniel Frei – «Anstand» und «Höflichkeit» werden oft gleichgesetzt. Aber sie stehen für ganz verschiedene Konzepte. Während Höflichkeit auf der Einhaltung von sozialen Regeln basiert und eher formaler Natur ist, steht Anstand für ein tief verwurzeltes Gefühl von Moral und Integrität. Der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry sagte einmal: «Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.» Anstand lässt sich vielleicht am besten mit diesem unsichtbaren, inneren Kompass vergleichen, der uns auf den richtigen Weg führt, auch wenn es schwierig ist und nicht den Erwartungen der Gesellschaft entspricht. Warum Anstand nicht immer höflich ist und wie Höflichkeit ohne Anstand leer und bedeutungslos wird und warum Anstand manchmal verlangt, nicht einfach anzustehen und abzuwarten.
Anstand: «Anstehen» oder «Handeln»?
Anstand stammt ursprünglich vom «anstehen», also von der Fähigkeit, ruhig und zurückhaltend in der Schlange zu stehen und geduldig zu warten. Und die Metapher des «Lebens als Buffet» macht das Dilemma deutlich: Wer nur wartet, riskiert, dass das Buffet leer ist, wenn er endlich an die Reihe kommt. Warten allein reicht also nicht aus. Denn Anstand bedeutet nicht nur «anstehen» und abwarten, sondern auch zu erkennen, wann es Zeit ist, aktiv zu werden und zu handeln.
Anstand ist somit weit mehr als blosse Passivität. Es ist die Fähigkeit, sich zu behaupten und für das einzustehen, was moralisch richtig ist, auch wenn es gegen den Strom geht. Ein Beispiel liefert der dänische Philosoph Søren Kierkegaard, der in seinem Werk «Die Krankheit zum Tode» beschreibt, dass wahre Integrität und moralisches Handeln nicht immer mit den Normen der Gesellschaft übereinstimmen. «Die Wahrheit», schreibt Kierkegaard, «ist oft das Gegenteil von dem, was die Gesellschaft anerkennt.» Anstand bedeutet in diesem Sinne, nicht nur dem äusseren Frieden zu folgen, sondern dem inneren Drang nach Gerechtigkeit.
Höflichkeit: Die Kunst des sozialen Tanzes
Höflichkeit dagegen ist im Vergleich eher eine äussere Haltung. Sie zeigt sich in freundlichen Gesten und Worten, die das soziale Miteinander erleichtern sollen. Ein freundliches «Danke» oder ein höfliches «Guten Tag» signalisieren Respekt, doch es kann auch rein mechanisch und ohne echten Bezug sein. «Höflichkeit ist wie ein Luftkissen», schrieb Alexander Pope, «es mag nichts darin sein, aber es mildert die Stösse des Lebens.»
Diese Einsicht macht deutlich, dass Höflichkeit eine Art sozialer «Puffer» ist. In vielen Kulturen ist Höflichkeit von grösster Bedeutung: In Japan beispielsweise gelten zahlreiche Verhaltensregeln, die das gesellschaftliche Miteinander erleichtern sollen, von der Verbeugung zur Begrüssung bis zur Vermeidung von direktem Augenkontakt in bestimmten Kontexten. In westlichen Kulturen hingegen hat Höflichkeit oft die Form von sprachlichen Floskeln, die zur Erhaltung des sozialen Friedens dienen. Dennoch bleibt sie oft auf der Oberfläche, eine Gewohnheit, die manchmal nicht viel mehr bedeutet als das Aufsetzen einer Maske.
Höflichkeit kann sogar zu einer Einschränkung des freien Ausdrucks werden. Manchmal verschleiert sie die Wahrheit, indem sie Spannungen vermeidet und Konflikte unterdrückt. Arthur Schopenhauer schrieb in seinen «Aphorismen zur Lebensweisheit», dass Höflichkeit oft dazu diene, die Realität zu verbergen und das Unangenehme nicht anzusprechen. «Die Höflichkeit ist das sichere Kleid der Lüge», schrieb er. Hier zeigt sich, dass Höflichkeit oft eher eine Frage der sozialen Konvention ist und wenig mit moralischer Integrität zu tun hat.
Die Schattenseite der Höflichkeit: Unterdrückung und Schweigen
Höflichkeit hat eine dunkle Seite: Sie kann Menschen daran hindern, wichtige Dinge auszusprechen, die unangenehm sein könnten. Diese «Höflichkeitsfalle» tritt in Familien ebenso auf wie in Freundschaften oder Unternehmen. Manchmal wird aus Höflichkeit nichts gesagt, obwohl es moralisch geboten wäre, zu handeln. Der Psychologe und Konfliktforscher Marshall B. Rosenberg, der die gewaltfreie Kommunikation entwickelte, sieht in Höflichkeit oft ein Mittel zur Unterdrückung echter Gefühle: «Die Gefahr der Höflichkeit besteht darin, dass sie die Menschen in Konformität und Verleugnung ihrer wahren Bedürfnisse zwingt.»
Höflichkeit wird dabei häufig auch als Waffe genutzt, um Machtstrukturen aufrechtzuerhalten. In Unternehmen wird oft erwartet, dass Mitarbeitende sich höflich verhalten, obwohl sie mit ungerechten Praktiken konfrontiert sind. Hier zeigt sich, dass Höflichkeit nicht immer aus Respekt, sondern aus Angst oder der Sorge um den eigenen Status entsteht. In totalitären Regimen wird Höflichkeit zur Pflicht, um die Machtverhältnisse zu zementieren und Dissens zu unterdrücken. George Orwell beschreibt in «1984», wie das System gezielt Höflichkeitsnormen einsetzt, um kritisches Denken zu unterdrücken und Konformität zu erzwingen.
Anstand als moralischer Kompass: Wann es Zeit ist zu handeln
Im Gegensatz zur Höflichkeit ist Anstand ein innerer Kompass, der uns in entscheidenden Momenten leitet. Er fordert von uns, ehrlich zu sein und nicht bloss brav in der Warteschlange zu stehen. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass wir manchmal unhöflich sein müssen, um anständig zu bleiben. So beschreibt Viktor Frankl Anstand als einen Wert, der uns dazu bringt, auch unter widrigen Umständen integer zu bleiben. Er schreibt in «… trotzdem Ja zum Leben sagen»: «Ein Mensch kann nicht nur standhaft, sondern sogar mutig sein, auch wenn die Höflichkeit von ihm verlangt, zu schweigen.»
Ein anständiger Mensch erkennt, wann es Zeit ist, das Buffet des Lebens nicht länger passiv anzugehen, sondern aktiv zu werden. Anstand bedeutet hier: zu wissen, wann das eigene Schweigen Schaden anrichten könnte oder wann es moralisch geboten ist, gegen die Erwartungen anderer zu handeln. In diesem Sinne ist Anstand eine Form des aktiven Wartens. Ein Warten mit Bewusstsein und innerer Verantwortung.
Die Wechselwirkung von Anstand und Höflichkeit im Alltag
Und wie können wir nun im Alltag zwischen Anstand und Höflichkeit navigieren? Tatsächlich ist es oft eine Gratwanderung, die Mut und Selbstreflexion verlangt. Es bedeutet, höflich zu sein, wo es der Harmonie dient, und anständig zu handeln, wenn es moralisch notwendig ist. Ralph Waldo Emerson formulierte es so: «Ein Gentleman ist immer höflich, doch er bleibt nichtsdestotrotz ein Mann von Prinzipien.» Emerson zeigt, dass die wahre Herausforderung darin besteht, die Balance zu halten: höflich zu bleiben, wo es geht, und entschieden zu handeln, wo es nötig ist.
Der Mut zur Unhöflichkeit und zum Handeln
Anstand und Höflichkeit sind zwei sehr unterschiedliche Konzepte, die nicht immer miteinander harmonieren. Höflichkeit verlangt von uns, den sozialen Frieden zu wahren und äussere Harmonie zu bewahren. Aber Anstand geht tiefer. Er fordert, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auch wenn dies bedeutet, aus der Warteschlange auszutreten und das Buffet des Lebens aktiv anzusteuern. Der anständige Mensch weiss, dass es eine Zeit für Höflichkeit gibt und eine Zeit für moralische Integrität.
Anstand ist also nicht bloss das passive Anstehen, sondern die Bereitschaft, im entscheidenden Moment aktiv zu handeln. George Bernard Shaw fasst es zusammen: «Höflichkeit ist die falsche Münze der Anständigkeit.» Damit fordert er uns auf, den Unterschied zwischen Anstand und Höflichkeit zu erkennen und zu wissen, wann es Zeit ist, die gesellschaftlichen Normen zu überwinden, um dem eigenen moralischen Kompass zu folgen.
Könnte dies der Anstand sein, der wahrhaftige Veränderungen ermöglicht?